Reise von der alten in die neue Heimat

Ein Erlebnisbericht von Nikolaus Tschauder

Ergänzend zu meinem Bericht über Flucht und Vertreibung will ich, vor allem auf Wunsch meines Sohnes, der sich über das Geschehen in der Zeit des Heimatverlustes ein genaueres Bild verschaffen wollte, einen exakten Ablauf des Vertreibungsverlaufes schildern.

Ich erlebte das alles, was von den Polen Umsiedlung genannt wurde, als ich 14 ½  Jahre alt war. Dennoch kann ich diese Bilder nie vergessen und die Ereignisse nicht aus meiner Erinnerung streichen. Denn wir hätten nie geglaubt, es nie für möglich gehalten, die Heimat verlassen zu müssen.

Vor den Ereignissen des 25.6.1945 (siehe Vorbericht „Flucht und Verteibung“) hatte ein polnischer Offizier meiner Schwester vorausgesagt, was nach Erteilung des Befehls von Warschau her kommen werde. Aber wir hielten diese Erzählungen für ein Gerücht, und zwar so lange, bis wir am 3.August 1945 beim täglichen Kirchenbesuch vom Herrn Pfarrer  über die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz unterrichtet wurden.

Fast 11 Monate nach dem 25.6.1945 erfolgte die offizielle Bekanntmachung über die Umsiedlung aller deutschen Einwohner  nach Deutschland. An Bäumen oder Zäunen waren große Plakate angebracht: links der polnische Text und rechts die deutsche Übersetzung. Daraus ging hervor, was jeder Mensch mitnehmen (aus Polen ausführen) dürfe und was mitzunehmen (auszuführen) verboten war. Zuwiderhandelnden werde das widerrechtlich ausgeführte Gut abgenommen. (Jahre zuvor hatten es die nationalsozialistischen Machthaber mit Polen und Juden in den vom deutschen Militär eroberten Gebieten auch so gemacht. Man hatte also gut gelernt, wie man eine solche Aufgabe lösen könne.)

Gegen Ende des Monats Mai 1946 wurde der 1.Transport aus Stadt- und Landkreis Hirschberg/Riesengebirge zusammengestellt. Wir wurden am 5.6.1946 unterrichtet, dass wir am 6.6.1946 um 8 Uhr am Sammelplatz, dem Gasthof zur Buche mit unserem Gepäck zu erscheinen hatten. Unsere 81-jährige Großmutter weigerte sich zunächst mitzugehen. Sie wollte in das Krankenhaus der Johanniter gehen in der Meinung, von dorther nicht vertrieben (ausgesiedelt) zu werden. Doch glücklicherweise erschien Herr Pfarrer Neumann, um sich von uns zu verabschieden. Ihm gelang es dann auch, Großmutter umzustimmen.

Als wir am Sammelplatz anlangten, waren schon einige Familien mit ihrem Gepäck angekommen. Gegen 8Uhr 30 fuhren einige Pferdewagengespanne vor, um Gepäck, alte Menschen und Kinder in das Sammellager in Hirschberg zu bringen. Um etwa 9 Uhr zog die traurige Schar hinter den Gespannen, insgesamt ungefähr 200 Menschen los. Für mich war es ein Abenteuer neben der geliebten Großmutter auf dem voll geladenen Fuhrwerk zu sitzen, nicht die ganze Strecke von 7 Kilometern laufen zu müssen und eine große Reise vor Augen zu haben. Wie hätte ich ahnen können, welche Folgen die vor uns liegende Reise haben werde und in was für ein neues Land wir alle kommen werden.

Als wir noch einmal am Grundstück der Familie Pohl, bei der wir in den letzten Tagen gewohnt hatten vorbeizogen, sah ich Herrn Pohl eine aus dem Auge rinnende Träne zerdrücken und hörte gleichzeitig ihn dennoch mutig  „Muss i denn, muss i denn“ mitsingen. Das habe ich erst viel später einordnen können. Denn ich verlor ja nichts; er aber verlor in diesem Augenblick Haus und Hof, Hab und Gut, Jugenderinnerungen und Heimat.

Gegen Mittag erreichten wir das Ziel, ein Barackenlager in der Nähe des Flugplatzes gegenüber dem Güterbahnhofsgelände von Hirschberg. Dort verbrachten wir den restlichen Tag, die folgende Nacht und den nächsten Vormittag. Am 7.Juni 1946 gegen 14 Uhr wurde durch Lautsprecher ausgerufen, dass alle aus dem Stadt- und Landkreis Hirschberg befindlichen Familien, etwa 2 500 Personen sich mit dem vollständigen Gepäck in einer Menschenschlange aufstellen sollten, um durch die letzte Kontrolle zur Verladung in den mit 52 Waggons bereit stehenden Zug zu gelangen. Wir hatten einen Reisekorb auf Rädern, Taschen, Rucksäcke und andere Behältnisse, in denen wir das zur Mitnahme erlaubte Gut (pro Person ein komplettes Gebett, ausreichend Kleidung, etwas Hausrat, ausreichend Lebensmittel für etwa 3 – 4 Tage sowie 500 Reichsmark) verstaut hatten. Das alles wurde, als wir endlich gegen 17 Uhr in der Kontrollbaracke anlangten, genau kontrolliert. Dabei wurden uns 50 Reichsmark Alliiertengeld, weil für die Ausfuhr verboten, und eine gute lederne Aktentasche weggenommen. Allerdings erhielten wir dafür eine solche aus Spaltleder, damit wir den Inhalt der beschlagnahmten Tasche wieder unterbringen konnten. Gegen 18 Uhr verließen wir die Kontrollbaracke und zogen mit dem ganzen Gepäck über die Straße hinweg in das Güterbahnhofsgelände, wo der lange Güterzug schon auf uns wartete. Mit zunehmender Dauer wurde durch die nachströmenden Menschen der Zug endlich voll. In unserem Waggon befanden sich, soweit ich mich noch erinnern kann 52 Personen, davon 19 Kinder und Jugendliche. Wir richteten uns mit unserem ganzen Gepäck in einer Ecke ein, wobei wir Jugendlichen danach trachteten, stets in der Nähe der breiten Tür zu sein. So verbrachten wir eine ruhige Nacht, froh der Willkür der polnischen Miliz entgangen zu sein.

Am Samstag, den 8.Juni morgens um 6 Uhr ruckte der Zug ohne Signal plötzlich an und fuhr mit seiner gewaltigen Last in gemäßigtem Tempo, wir Jugendlichen hatten uns ganz schnell in die breite Tür gesetzt und ließen unsere Beine in den Fahrtwind baumeln, über Merzdorf, Goldberg, Liegnitz, Haynau und Bunzlau bis nach Kohlfurt, der letzten schlesischen Stadt vor der „Görlitzer Neiße“. Dort kamen wir gegen 19 Uhr an und verbrachten die Nacht vor dem Pfingstsonntag in unserem Waggon. Einige Menschen aus anderen Waggons stiegen innerhalb des Bahngeländes aus, um auf Behelfsöfen von den mitgenommenen Lebensmitteln sich schnell eine Suppe zuzubereiten.

Am nächsten Morgen, Pfingstsonntag 9.Juni 1946 gegen 8 Uhr wurde der Transport von einer Militärkommission, bestehend aus 3 Offizieren der Siegermächte übernommen. Als Ziel wurde für diesen Transport die britische Besatzungszone festgelegt. Danach mussten wir aber zunächst alle einmal über uns die Prozedur der Entlausung mittels DDT-Spritzen ergehen lassen. Deshalb dauerte es recht lange bis der Zug wieder weiterfahren durfte. Endlich gegen 12 Uhr zog die Lokomotive an, und es ging weiter: zunächst über die „Görlitzer Neiße“, die neue Grenze Deutschlands. Dabei fielen uns bei sehr mäßiger Geschwindigkeit die vielen weißen Stofffetzen entlang des Bahndammes auf. Augenblicklich erkannten wir in ihnen die weißen Armbinden, die wir Deutschen hatten tragen müssen. Schnell rissen wir unsere Armbinden herunter und warfen sie zu den Tausenden dort liegenden. In Hoyerswerda, der ersten deutschen Stadt in der russischen Besatzungszone hielt der Zug nur sehr kurz. Dort wurden in jeden Waggon einige Brote und ein paar Heringe hineingereicht. Dann ging es weiter bei strahlend blauem Himmel über Ruhland, wo wir einen Aufenthalt wegen eines vorrangigen Zuges in Kauf nehmen mussten. Gegenüber von uns stand ein Personenzug mit vielen jungen und auch älteren  Männern. Wir kamen mit einem Insassen ins Gespräch und erfuhren von ihm, ihr Zug sei auf dem Weg nach Russland, jedoch für sie mit unbekanntem Ziel. Endlich wurde unserem Zug die Fahrt wieder freigegeben. So fuhren wir über Elsterwerda, Falkenberg und Wittenberg bis nach Rosslau bei Dessau. Dort übernachteten wir wieder im Zug.

Frühmorgens (Pfingstmontag) ging die Fahrt weiter über Dessau, Zerbst, Magdeburg, Eilsleben, Marienborn (Zonengrenze) bis nach Helmstedt, erste Stadt in der britischen Besatzungszone. Dort wurde der Zug auf ein Nebengleis rangiert und fuhr danach in  ein  riesiges, im Wald gut verstecktes bei Marienthal gelegenes Gelände der früheren deutschen Luftwaffe. Am sehr späten Nachmittag kamen wir dort an, mussten einmal mehr durch die Entlausungsprozedur (wir kamen ja aus der russischen Besatzungszone), um dann in einem Hangar auf Strohlagern die Nacht zu verbringen. Bevor es aber so weit war durften wir uns in Reih und Glied anstellen, um neue Papiere, abgestempelt mit dem neuen Reiseziel „Siegen/Westf.“ in Empfang zu nehmen. Danach waren wir berechtigt, in der Lagerküche spärlich belegte Brote und einen Eimer Suppe für die ganze Familie (Großmutter, Mutter, Schwester Maria, Bruder  Hubert und mich) in Empfang zu nehmen.

Nach einer den Umständen entsprechend kurzen, aber guten Nacht, mussten wir uns sehr früh für den Kaffee- und Brote-Empfang bereit halten, schnellstens Frühstücken und unmittelbar danach zum Weitertransport antreten.
Inzwischen hatte sich die Menschenmenge durch Verbleib von etwa 300 Menschen im Raum Ülzen-Lüneburg verringert.
Jetzt fuhren wir nicht mehr in Güterwagons weiter, weil diese bereits über Nacht schon wieder für weitere Auslieferungstransporte in die alte Heimat zurückgesandt worden waren, sondern unsere Reise ging nun in Personenzugwagen über Braunschweig und Lehrte zunächst bis Hannover. Auf dieser Fahrt erlebten wir erschüttert, wie sehr die Städte durch den Bombenkrieg gelitten hatten. Was müssen die Menschen in diesen Städten ertragen haben, wenn allnächtlich die Bomber ihre Lasten abgeladen hatten, während wir in Ober- und Niederschlesien wie in Abrahams Schoß unsere Nächte verschliefen. – Von Hannover aus fuhr der Zug über Minden und Bielefeld bis nach Hamm. Dort wurden wir in der Nacht um 1Uhr 30 geweckt, um in der DRK-Baracke uns wiederum einen Eimer Suppe für die Familie holen zu dürfen. Bei Mondenschein gingen meine Schwester und ich durch die geisterhaften Ruinen des Hammer Bahnhofes. Wir waren froh, nach der Abholung der Suppe wieder im Zug zu sitzen. Kurz darauf fuhr der Zug weiter, und zwar über Hagen, Altena, Finnentrop, Kreuztal nach Siegen, wo wir am 12.Juni 1946, morgens gegen 7 Uhr ankamen. Hier durften wir auf Lastkraftwagen umsteigen und wurden in die Kasernen am Wellersberg  zum Zweck der weiteren Verteilung gebracht. Nach einer kurzen Ruhepause durften wir uns einmal mehr anstellen, um erneut entlaust und danach registriert zu werden.

Wieder wurde der Transport um eine große Menge, die in das Siegerland eingewiesen wurde, verringert. Auf unseren Papieren war als vorläufiges Ziel der Raum Arnsberg vermerkt. – Den Nachmittag durften wir frei verbringen. Das war jedoch nur etwas für uns Jugendliche etwas, denn innerhalb des Kasernengeländes gab es einen Sportplatz, auf dem wir hätten herumtoben können, wenn wir einen Ball gehabt hätten. So blieb uns nur die Möglichkeit des Fangens oder Versteckens. Diese Nacht verbrachten wir in Ruhe in den schönen doppelstöckigen Soldatenbetten.

Am nächsten Morgen, dem 13.Juni 1946 wurden wir zeitig geweckt, um nach einem kleinen Frühstück (wir wussten ja gar nicht,  was für eine gute Verpflegung wir während der langen Fahrt wir bekommen hatten, während die Menschen  in der britischen Besatzungszone nur sehr knapp durch Lebensmittelkarten versorgt wurden)schnellstens mittels LKW wieder zum Bahnhof gebracht zu werden.  Dort standen 18 Güterwaggons zu unserer Verfügung, zu jeweils 3 Stück versehen mit Ortsnamen: Altena, Lüdenscheid, Soest, Arnsberg, Meschede und Brilon. –  Ungefähr gegen 9 Uhr fuhr der Zug ab über Kreuztal, Finnentrop bis nach Altena. Hier wurden 6 Waggons für die Orte Altena und Lüdenscheid abgehängt Danach fuhren die restlichen Wagen über Hagen nach Schwerte, wo die nächsten 3 Waggons mit dem Ziel Soest abgehängt wurden. Mit den verbleibenden 9 Waggons hatten wir einen längeren Aufenthalt, weil wir auf den fahrplanmäßigen Zug in das Sauerland (was war das schon für uns; es sagte uns doch gar nichts) warten mussten. Als er endlich in den Abendstunden von Hagen her kam, wurden unsere 9 Wagen angehängt und die Fahrt ging nun weiter über Fröndenberg und Wickede bis nach Neheim-Hüsten. Unsere 3 Wagen mit dem Ziel Arnsberg wurden abgehängt, während die verbleibenden 6 Wagen mit den Zielen Meschede und Brilon weiter fuhren. Unsere 3 Wagen aber wurden auf einem Nebengleis in das Betriebsgelände der Siegerländer Hüttenwerke umrangiert. Dort standen einige Baracken, in denen während des Krieges ausländische Zwangsarbeiter untergebracht waren. Familie Pohl und wir bezogen eine der Stuben und verbrachten hier eine ruhige Nacht.

Am nächsten Tage, dem 14. Juni 1946 mussten wir zunächst wieder durch die Entlausung mit den unangenehmen DDT-Spritzen. Danach erfolgte erneut eine Registrierung. Ungefähr 11 Familien, darunter Familie Pohl und wir bekamen auf unsere Papiere den Vermerk „Amt Freienohl“ aufgedruckt. – Für den Rest des Tages konnten wir machen, was wir wollten. Die Erwachsenen sahen sich den Ort und die nähere Umgebung an. Denn sie hatten erkannt, dass diese Gegend wohl für uns bestimmt war. Wir Kinder und Jugendliche strichen auf dem Gelände herum, entdeckten dabei Autowracks, setzten uns hinein und fuhren wie im Träume den Weg in die Heimat zurück.

Am Morgen des 15. Juni 1946 wurden wir 11 Familien von Lastkraftwagen nach Freienohl zum Amtsgebäude gebracht. Hier wurden die einzelnen Familien auf die 7 Gemeinden des Amtsbezirkes und auf den Ort selbst verteilt. Familie Pohl verblieb auf Jahre in Freienohl bis sie später über eine Wohnung im Gutshof Rumbeck  nach Arnsberg zog und zuletzt ein Siedlungshäuschen im Stadtbruch erwarb. – Wir dagegen wurden mit dem LKW in die Gemeinde Rumbeck befördert, wo man uns zunächst am Gasthof Hoffmann absetzte. Dieser Ort wurde dann für unsere Familie, die sich in den folgenden Jahren (siehe Vorbericht)vergrößerte zur neuen Heimat.

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