Flucht und Vertreibung

Erlebnisbericht von Nikolaus Tschauder -

Vorwort

Die nachfolgend geschilderten Erlebnisse erstrecken sich über den Zeitraum vom 17. Januar 1945 bis zum 17. Juni 1946. Zu Beginn des Zeitraumes war ich 13 Jahre alt, lebte in Mechtal (Miechowice) Kreis Beuthen /Oberschlesien (Bytom/Gorny Slask) und zu Ende des Zeitraumes war ich 14½ Jahre alt.
Es versteht sich von selbst, dass ich diese Erlebnisse mit dem Wissensstande von damals, nicht etwa aus heutiger Sicht schildere.
Vor Beginn muss ich jedoch anführen, dass meine Familie zu dieser Zeit nur aus den Eltern, mir, meinem 5 Jahre jüngeren Bruder Hubert und unserer Haushaltspraktikantin Gertrud, die aus dem Riesengebirge stammte, bestand, weil der älteste Bruder Karl in amerikanischer Gefangenschaft in England und meine einzige Schwester Maria seit November 1944 bei dem Reichsarbeitsdienst (R. A. D. ) in der Nähe von Bad Schandau/Sachsen weilten. Der ältere Bruder Wolfgang war am 10. Jan. zum R. A. D. nach Carlsruhe bei Oppeln einberufen worden.

Mittwoch, 17. Januar / Donnerstag, 18. Januar 1945

An jedem Mittwoch war spätnachmittags „Kriegsandacht“ in der Kreuzkirche. Gertrud, Hubert und ich waren an jenem Tage dabei.
Als wir nach Hause kamen, empfing uns Mutter mit den Worten: „Wir müssen sofort packen und noch heute zu Oma fahren. Ich muss schnellstens zur Gemeinde, um die Reisegenehmigung für 4 Personen (Reisen über 100 km waren genehmigungspflichtig) zu holen. Vater fährt nicht mit, weil er sich umgehend beim Volkssturm melden muss. “
Mutter erhielt die Genehmigung nur für 3 Personen, weil an im Arbeitsverhältnis stehende Menschen keine Reiseerlaubnis erteilt wurde. So versprach Mutter unserer Gertrud, sie auf jeden Fall nachzuholen; sie solle inzwischen Wäsche und Kleidung einpacken.
Zusammen mit der Nachbarin Frau Galuschka, ihren beiden Söhnen August und Leo sowie ihrer verheirateten Tochter, Frau Gold, zogen wir alle schwer bepackt zwischen 23 und 24 Uhr zum Grytzberg. Von dort fuhren wir mit der Straßenbahn nach Beuthen zum Hindenburg-Platz. Von dort erfolgte der Fußmarsch zum Hauptbahnhof, wo wir pünktlich zur Zugabfahrt um 1 Uhr 33 eintrafen.
Der Zug fuhr pünktlich ein, war jedoch so überfüllt, dass nur Frau Galuschka mit den beiden Söhnen sich in den Gang hineinzwängen konnte, während Hubert mit Angstschreien und überängstlichem Widerstreben ein Hineinzwängen unsererseits verhinderte. Daher mussten wir auf den nächsten Zug, der um 3 Uhr 32 fahren sollte, warten.
Frau Gold bestand darauf, mit uns zu warten, um uns beim Einsteigen behilflich zu sein. Der Zug kam pünktlich, war ebenso überfüllt wie der vorige, und keine Tür wurde geöffnet, um Fahrgäste einsteigen zu lassen. Nur durch tatkräftige Hilfe von Frau Gold, die ein leicht geöffnetes Fenster im Hochspringen herunterriss, gelangten wir durch eben dieses Fenster in das Abteilinnere; kopfüber der Reihe nach und nach uns das Gepäck.
So kamen wir bis nach Oppeln, wo alle im Zug befindlichen Fremdarbeiter, die sich ja auch vor dem Russen, der eigenen Soldateska, retten wollten, heraus gezwungen wurden. Danach hatten wir sogar Sitzplätze. In Brockau bei Breslau blieb der Zug wegen Luftalarmes etwa eine halbe Stunde stehen, so dass wir im Hauptbahnhof erst nach 7 Uhr statt um 6:33 Uhr ankamen. Dadurch konnten wir den ursprünglich um 7:09 Uhr abfahrenden Anschlusszug am Freiburger Bahnhof nicht erreichen. In diesen Kriegszeiten fuhren auf der elektrifizierten Anschluss-Strecke sehr wenige Züge, weshalb wir auch sehr lange auf einen durchgehenden Anschlusszug warten mussten. Deshalb erreichten wir nur mittels Personenzug, nicht „Rotem Eilzug“, Zillertal-Erdmannsdorf auch erst gegen 19:30. Zu Fuß sind wir dann während eines erneuten Luftalarmes, bei dem Breslau bombardiert wurde, mit dem ganzen Gepäck bis zur Großmutter gelaufen. Bei ihr kamen wir gegen 20:15 Uhr an
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Samstag, 20. Januar 1945

Am Mittag brachten Dieter Pohl (Sohn des Hauswirts und Spielkamerad) und ich Mutter zum Bahnhof in Zillertal-Erdmannsdorf. Sie wollte und musste noch einmal zurück nach Mechtal, um Gertrud zu holen. Sie kam spät abends dort an und traf Vater noch einmal an, bevor er endgültig zum Volkssturm (alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren wurden zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, vor allem als Heimatarmee, eingezogen) einrückte.
Ihm musste sie versprechen, umgehend und so schnell wie nur möglich mit Gertrud abzureisen, was ihr auch mit dem letzten durchgehenden Beuthen verlassenden Zug am 21. 1. abends gelang.

Sonntag, 28. Januar 1945

Am frühen Nachmittag gegen 14 Uhr erreichten beide mit Maria Chrobok, die unserer Mutter von deren Eltern anvertraut worden war Zillertal-Erdmannsdorf. Mit dem gleichen Zug kamen auch Ruth Radebrecht, Marias Schulkameradin, und ihre Mutter an.
Wie aber war es unseren 3 Flüchtlingen in der einen Woche ihrer Flucht ergangen, und was hatten sie alles erlebt?
Wie Mutter berichtete, wurde der Zug ab Heydebreck umgeleitet und bewältigte nur eine Teilstrecke in Richtung Neiße. Dann blieb er auf freier Strecke 17 Stunden lang stehen. Nach dieser Wartezeit verließen Mutter, Gertrud und Maria Chrobok mit ihrem umfangreichen Gepäck den Zug. HH   

Sie marschierten 50 km weit bis nach Baucke, Kreis Neiße, Mutters Geburts- und Heimatort. Einen großen Teil dieser Strecke begleitete sie ein Militärtransport, der ihr Gepäck zu ihrer Erleichterung an Bord nahm. In Baucke konnten sie sich 2 Tage lang von den Strapazen bei einer ehemaligen Schulfreundin (Liesel Klant) ausruhen und erholen. Dann gingen die Bewohner des Dorfes selbst auf die Flucht. Vorher hatten sie noch in aller Eile ein fettes Schwein geschlachtet, zerlegt und nach ausreichender Stärkung die Reste für die Flucht verpackt. Das war natürlich auch Mutter, Gertrud und Maria Chrobok zugute gekommen. Dann verließen sie die in Richtung Sudetenland aufbrechende Dorfgemeinschaft und liefen mit dem Gepäck so lange, bis sie die Bahnlinie Breslau – Hirschberg erreichten. Die Russen waren noch nicht so nahe gekommen, weshalb auf dieser Strecke der Zugverkehr noch komplett funktionierte. So gelangten alle drei nach den überstandenen Gefahren sicher zurück nach Zillertal-Erdmannsdorf.

Montag, 29. Januar 1945

Frühmorgens kam auch Frau Schyma mit ihren beiden Jungen bei unserer Großmutter an.
Am Nachmittag wurden Radebrechts bei Kantor Hermann und Familie Schyma im Nachbarhaus von Kantor Hermann, bei Frau Fichtner untergebracht.

Freitag, 2. Februar 1945

In der Nacht kam Vater, vom Volkssturm entlassen, aus dem Kriege zurück. Damit war die eingangs erwähnte Rumpffamilie wieder vereint. Gertrud wurde in ihr Heimatdorf Hartau bei Hirschberg entlassen.

Etwa Ende März 1945

Bei Lauban wurden die Russen zurückgeschlagen. Dadurch wurde die Bahnlinie Hirschberg-Lauban-Görlitz-Dresden frei. Deshalb fuhr Vater nach Sachsen, um Maria aus dem R. A. D. -Lager nach Hause ins Riesengebirge zu holen. Die Lagerführerin, Frau Würtemberg, gab auf eigene Verantwortung Maria frei, so dass sie mit Vater zur Familie zurückkehren konnte.
So konnte sie künftig Mutter in allen Belastungen tatkräftig zur Seite stehen.

Etwa Ende April 1945

Die Familien Radebrecht und Schyma machten sich, vor den sich nahenden Russen fliehend, auf den Weg durch das Sudetenland hin nach Westen. Maria Chrobok, die ein Zimmer bei Koschyk in der Siedlung bewohnte, wurde von ihrer Schwester Christa auf Umwegen über das Sudetenland nach Mechtal zurückgeholt.

8. Mai 1945

Die Russen standen kurz vor Hirschberg. Deshalb wurden die Wehrmachtslebensmitteldepots zwischen Niederlomnitz und Hirschberg für die Bevölkerung freigegeben. Wir erfuhren sehr spät von der Freigabe, die am Abend zuvor schon erfolgt war. Dennoch gelang es Mutter noch, im Leiterwägelchen Zucker, Mehl, etliche Konserven und Speiseöl, soviel sie insgesamt befördern konnte, zu erraffen. Dabei lernte sie den stürmenden, raffgierigen und alles beschädigenden Mob kennen.

9. Mai 1945

Am Vormittag marschierten nach der in der vergangenen Nacht erfolgten Kapitulation die Russen ein und übernahmen nach ganz kurzer Zeit die Verwaltung mittels Kommissar, dem ein deutscher Bürgermeister unterstellt war. Sie begannen sofort mit der Demontage der Porzellanfabrik, wobei Vater auch mitarbeiten durfte, selbstverständlich ohne Bezahlung. Gleichzeitig beförderten sie tagelang auf Panjewagen Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter nach Osten. Große Kuhherden wurden in gleicher Richtung durch unser Dorf getrieben. Wenn diese über Nacht auf einer der Ortsweiden rasteten, mussten wir sie abmelken und durften hin und wieder die Milch behalten.
Es erging auch der Befehl, innerhalb einer kurzen Frist nicht nur Waffen, Sportwaffen und die zugehörige Munition sondern auch Motorräder, Fahrräder, Radios und andere Elektrogeräte auf dem Gelände der Spinnerei in Zillertal abzuliefern. Ich weiß heute noch, wie Herr Pohl sein Motorrad, Dieter und ich je ein Fahrrad aus Pohls Besitz dorthin brachten.

Etwa Ende Mai/Anfang Juni 1945

Im Verlauf von 2 Wochen tauchten die ersten polnischen Familien auf. Wir wussten nicht, dass sie von den Russen auf Stalins Weisung hin ohne jede Habe vertrieben worden waren. Die Polen übernahmen die Verwaltung und begannen, Wohnungen für die polnischen Familien zu beschlagnahmen. Für uns waren sie diejenigen, die uns alles wegnahmen. Dabei waren die Miliz, die staatlich konzessionierte Räuberbande, und die Kinder besonders frech. Wir hatten nichts mehr zu sagen und mussten Spielzeuge und Sportgeräte, so wir noch welche hatten, gut verstecken.
Die Verwaltung setzte die Reichsmark aus und den polnischen Zloty als gültiges Zahlungsmittel ein. Sie verfügte auch, dass alle Deutschen eine weiße Armbinde am linken Arm oberhalb des Ellenbogengelenkes tragen mussten.
Ferner erhielten alle Orte polnische Namen: Zillertal-Erdmannsdorf wurde zu Turonsk, später Myslakowice; Lomnitz wurde zu Lomnica und Hirschberg hieß nun Jelenia Gora.

Ich musste, um bei den Russen eine Lebensmittelkarte zu erhalten, auf dem Bauernhof Buchberger am Rothers Vorwerk als jugendlicher Hilfsknecht arbeiten. Das tat ich aber nur bis zum 25. Juni. An diesem Tage löste mich ein besonderes Ereignis aus dem Arbeitsverhältnis.

23. Juni 1945

Im Hause des alten Herrn Buchberger lebte eine aus Myslowitz stammende und von dort geflüchtete Frau. Sie hieß Saternus und konnte fließend Polnisch sprechen. Mit ihr fuhr Mutter nach Oberschlesien, um eventuell noch etwas zu retten. Unterwegs wurde ihr von einem Oberschlesier, meines Wissens war es ein Pfarrer, abgeraten, weiter zu fahren, da sie nicht die polnische Sprache beherrsche und auf Grund der weißen Armbinde sich nur Schwierigkeiten einhandele. So kehrte sie unverrichteter Dinge am 26. oder 27. Juni zurück.
Mutters Abwesenheit hätte zu einer Tragödie werden können, denn am

25. Juni 1945

begann das polnische Militär, plötzlich den Ort (wie auch andere Orte in der weiteren und näheren Umgebung) geschlossen zu vertreiben, angeblich nach Deutschland, so, als sei Zillertal-Erdmannsdorf und jene anderen Orte in Polen.
Die Potsdamer Konferenz, von deren Existenz und Ergebnissen wir erst am 3. August durch Herrn Pfarrer Neumann morgens in der Kirche erfuhren, hatte noch nicht einmal begonnen.
Diese Vertreibung sollte zunächst „nur“ über die Görlitzer Neisse betrieben werden. Das polnische Militär interessierte sich nicht dafür, was jenseits des genannten Flusses mit den vertriebenen Menschen passierte. Auf jeden Fall wurde Görlitz geteilt und eine mögliche Rückkehr in Richtung Schlesien unmöglich gemacht.
Die plötzliche Maßnahme der Polen, die den Zug der Menschenmassen auslöste und dadurch die Landstraßen in Richtung Görlitz verstopfte, wurde selbst den Russen zuviel, so dass sie diese wilde Vertreibung verboten. Ich jedoch bin durch dieses Geschehen aus dem Arbeitsverhältnis auf dem Hof Buchberger ausgeschieden und zur Familie zurückgekehrt. Am selben Tage noch holten Maria und ich mit dem Leiterwägelchen eine beim alten Herrn Buchberger untergestellte Truhe, in der sich meines Wissens gute Wäsche und ein Pelzmantel von den Gleiwitzer Verwandten befanden, nach Hause zurück und stellten sie in Omas Fremdenzimmer ab.

In der Folgezeit lebten wir unter polnischer Verwaltung. Lebensmittelkarten gab es nicht mehr. Wir hatten auch kein polnisches Geld, so dass wir gezwungen waren, auf dem so genannten „Schwarzen Markt“ Wäsche und ungebrauchte, aber auch gut erhaltene gebrauchte Kleidung zu verkaufen.
Die Vorräte aus der Depoterstürmung am 8. Mai gingen zur Neige. Es musste für Nachschub gesorgt werden.

8. August 1945

Mutter, Hubert und ich liefen nach heftigen nächtlichen Gewittern mit dem kleinen Handleiterwagen zu Fuß 36 km weit nach Liebenthal (Lubomierz), wo wir gegen 18 Uhr eintrafen. Onkel Alfred war gerade nach 3-tägiger Haft (der Anlass zur Verhaftung wurde ihm nie bekannt gemacht) aus dem Waisenhaus-Gefängnis, Sitz der polnischen Miliz, entlassen worden.

11. August 1945

Onkel Alfred fuhr mit Tante Olga und uns nach Bad Warmbrunn (Cieplice) in die Klinik. Unser kleiner Leiterwagen, beladen mit Brot und anderen Lebensmitteln, war hinten an der Droschke angehängt. Wir Jungen mussten aufpassen, dass der wertvollen Fracht nichts passierte.
Die Untersuchung von Tante ergab ein schlechtes Ergebnis. Die Krankheit könne zwar durch eine sehr schwierige Operation vorübergehend positiv beeinflusst werden, der „Krebs“ werde aber nach einiger Zeit wieder aufbrechen und unheilbar fortschreiten. Angesichts dieser Tatsache entschloss sich der Onkel zur lebensverlängernden schwierigen Operation in Seidenberg, etwa 40 km von Liebenthal entfernt.
Mutter sollte während der Abwesenheit und Erholungszeit von Tante die Hauswirtschaft in Liebenthal führen.

Nach dieser Absprache fuhren Onkel und Tante nach Liebenthal zurück. Wir dagegen fuhren über Herischdorf(Cieplice Dolna), Stonsdorf (Staniszow) und den Kreuzberg nach Zillertal-Erdmannsdorf zurück.

20. September 1945

Wir liefen erneut (mit Herrn Hinke und Trudel Suchanke, die nach Greiffenberg wollten) zu Fuß nach Liebenthal und hatten auch wieder unser Leiterwägelchen auf dem Wege über Hirschberg, Reibnitz (Rybnica), Bertelsdorf (Barcinek), Spiller (Pasiecznik)und Langwasser (Chmelin) bei uns. Mutter und Hubert blieben dort, Onkel Alfred brachte Tante Olga zur Operation nach Seidenberg und ich lief am

22. September 1945

mit gut gefülltem Rucksack nach Zillertal-Erdmannsdorf (jetzt: Turonsk) zurück. Dabei hatte ich das große Glück, dass mich von Langwasser bis nach Hirschberg ein von Russen gesteuerter Lastkraftwagen mitnahm. Kindern gegenüber, und in ihren Augen war ich wohl noch eines, waren sie sehr freundlich. Beim Abschied waren sie mit ein paar Äpfeln zufrieden und winkten mir noch freundlich zu.

23. September bis etwa 25. Oktober 1945

Während Mutter und Hubert in Liebenthal weilten, lief ich ein weiteres Mal von Zillertal-Erdmannsdorf dorthin, um 1 Zentner Roggen nach Hause zu holen. Dieses Mal brauchte ich aber nicht den vollen Wagen zu ziehen, weil er an ein Pferdefuhrwerk, das von Hoffmannpauls Pferden gezogen wurde und Fracht nach Breslau beförderte, angehängt war. Meine Ladung war für den Umtausch gegen Mehl in der Tirolermühle kurz vor Quirl bestimmt. So war es uns in späterer Zeit möglich, selbst Brot zu backen.

Mutter führte die Wirtschaft und Hubert war Spielgefährte von Walter und Jochen, Onkels Söhnen. Onkel Alfred holte die frisch operierte Tante Olga aus Seidenberg zurück. Hier musste sie noch lange Zeit das Bett hüten, weil sie einfach noch zu schwach war. Kurz nach der Rückkehr von Tante gingen Walter und Jochen zur Erstkommunion. Zum Festessen gab es Klöße und Rouladen vom „braven Hans“, der sein wechselvolles Pferdeleben, hatte ihn doch der Onkel von den Russen als Ersatz für eine gestohlene Milchkuh erhalten, hatte lassen müssen.
Einige Tage darauf liefen Mutter, Hubert und ich wieder nach Hause zurück.

Mitte November bis 6. Dezember 1945

Noch einmal machte ich mich mit dem Leiterwagen auf den 36 km langen Weg, um beim Onkel Weizen für den Umtausch gegen Mehl in der Tirolermühle zu holen. Am 5. Dezember fuhr ich mit dem Wagen und 85 Pfund Weizen, der erst am Vortage gedroschen worden war, wieder, und zwar in 2 Tagesetappen nach Erdmannsdorf zurück. Dabei hatte ich insofern Glück, als mich samt Ladung ein LKW nach 22 km von Reibnitz,(Rybnica) bis nach Hirschberg mitnahm. Die Fahrt mit dieser Fracht hatte mich so angestrengt, dass ich in Hirschberg bei Frau Boehnisch, einer guten Bekannten, übernachten musste, um am nächsten Morgen ausgeruht die restlichen 7 km zu bewältigen.

Onkel Alfred hatte es plötzlich sehr eilig gehabt, mich mit dem Weizen los zu werden, da er wusste, dass am 5. Dezember, meinem Abreisetage, ein junges polnisches Paar einzog, das die obere Etage des Feldhauses weitgehend beschlagnahmte.

25. Januar 1946

Bis zu diesem Datum waren schon sehr viele Häuser des großen Dorfes von polnischen Familien mitbewohnt. In unserem Haus war bisher noch kein Wohnraum für polnische Familien beschlagnahmt worden. Wenn auch das Leben unter der polnischen Verwaltung sehr schwer war, so war Weihnachten doch recht friedlich vergangen. Zwar waren wir, während wir bei erleuchtetem Christbaum Mohnklöße aßen, durch Klopfen an der Haustür aufgeschreckt worden, doch war es nicht die Miliz, die zu jeder Zeit in Wohnungen eindrang und die deutschen Bewohner drangsalierte, sondern Besuch aus der Nachbarschaft.

Seit Oktober war Herrn Pfarrer Neumann ein polnischer Prälat namens Nosakowski, mit dem er sich nur in lateinischer Sprache verständigen konnte, zugewiesen worden. So hatten die Polen ihre eigenen Gottesdienste. Weihnachten feierten auch sie ihrem Glaubensleben entsprechend. Gleich nach Weihnachten setzte jedoch wieder Wohnraumbeschlagnahme ein.

26. Januar 1946

Vater war gerade von der Arbeit im Flussbau wiedergekommen und hatte noch nicht den Mantel ausgezogen, als es an die Wohnungstür schlug, die Tür aufgerissen wurde und ein Trupp Polen in die Wohnung trat. Die Teilung von Omas Wohnung wurde verfügt, und zwar wurden die jenseits des Flures liegenden Wohn- und Fremdenzimmer, in dem sich ein durch eine Gardine verhängtes Fenster zur Veranda diesseits des Flures befand, für einen jungen Polen namens Magdziarz, angeblich Organist von Beruf, beschlagnahmt. Gleichzeitig wurde der auf dem Flur stehende große Wäscheschrank ausgeräumt und die gesamte Wäsche dem Polen übergeben.

27. Januar bis 25. Mai 1946

Der Pole war weggegangen. So stand ich Schmiere, während Maria durch das o. a. Fenster in das Fremdenzimmer stieg und etwas Wäsche, die Menge hatte der Pole ja nicht voll erfassen können, zusammen mit Tante Lenas Pelzmantel aus der Truhe uns herüber reichte.
Ein paar Tage später gingen Maria und ich mit dem Pelzmantel und einem Kaffeegedeck für 12 Personen nach Hirschberg, um diese Dinge zu verkaufen, damit der Lebensunterhalt für die nächste Zeit bestritten werden konnte.
Bis zum 25. Mai 1946 machten wir immer wieder den Weg zu Fuß nach Hirschberg, da wir in der wieder verkehrenden Bahn als Deutsche stets beschimpft worden wären, wie es ja auch im Gebäude des polnischen Prokurators anlässlich einer Beschwerde wegen der Wohnungsbeschlagnahme geschehen ist. Dort wurde vor Maria ausgespuckt und sie selbst wurde dabei von einem Soldaten als „deutsches Schwein“ bezeichnet.

Inzwischen war die Vertreibung aus dem Gesamtkreis Hirschberg durch große Plakate, sowohl in polnischer als auch in deutscher Sprache, bekannt gemacht worden.

Am 9. Mai war Vater gegen viel Geld per LKW schwarz über die grüne Grenze bei Kohlfurt (Weglinec) gegangen. Er wollte damit Ärger mit der polnischen Miliz aus dem Wege gehen. Dieser Schritt war mit Mutter abgesprochen. Wir brachten ihn morgens gegen 4 Uhr zum Pfarrhof. Von dort startete der Lastkraftwagen. Bei Kohlfurt reihte er sich in einen Vertriebenentransport ein. Dabei wurde ihm die Aktentasche mit allen Papieren der Familie gestohlen.

25. Mai 1946

An diesem Tage erfolgte der erste Sammeltransport aus Zillertal-Erdmannsdorf. Auch die Familie Frehse, Marias Bekannte, mit den sehr kleinen Kindern war diesem zugeteilt. Der Transport sollte Hirschberg am 27. Mai verlassen. Das Sammellager befand sich in Hirschberg neben dem Flugplatz gegenüber dem Verladegleis des Hauptbahnhofes.

26. Mai 1946

Liesel Dannert aus der Mühle, Maria und ich gingen nach Hirschberg, um Familie
Frese im Sammellager Milch für die kleinen Kinder zu bringen. Die Familie befand sich jedoch schon nach der letzten Kontrolle im Transportzug auf dem Verladegleis.
Hier muss erwähnt werden, dass Maria bei sich sehr viel Reichsmark und ein paar Schmuckstücke trug, weil unsere Vertreibung in allernächster Zeit bevorstand und kein Deutscher riskieren konnte, solche Dinge zu Hause zu lassen. Denn es war ja immerfort mit Wohnungsbeschlagnahme oder -durchsuchung zu rechnen, bei denen man nichts aus den Räumen herausnehmen durfte.

Da wir nicht wussten, in welchem der etwa 50 Waggons sich die Familie Frehse befand, liefen wir am Zug entlang. Das Bewachungspersonal wurden wir bei der Suche nicht gewahr. Endlich fanden wir die Familie Frehse und reichten die Milchflaschen an. Plötzlich sahen wir die auf uns zueilenden Wächter. Maria und ich liefen weg; die ältere Liesel Dannert wurde abgeführt. Ungefähr 200 m vom Lagereingang warteten wir auf Liesel. Maria meinte, sie müsse sich um sie kümmern. Wir gingen zurück, wurden am Lagertor erkannt und in die Wachbaracke geführt. Dort begegnete sie der Liesel, die eine Leibesvisitation hatte über sich ergehen lassen müssen. Danach wurde sie entlassen. Dann kam Maria an die Reihe. Als man das Geld und den Schmuck fand, behauptete das Wachkommando, sie habe alles den bereits kontrollierten im Zug befindlichen Menschen mitgeben wollen, um es so unerlaubt aus Polen auszuführen. Bei mir begnügte man sich mit einer Hosentaschenkontrolle und bezeichnete mich als „Spitzbube“. Die herbeigerufene polnische Miliz, eine Art politische Staatspolizei, war trotz aller Bemühungen des Wachpersonals nicht zu erreichen. Deshalb wurden wir nach Beschlagnahme des Geldes und der Schmuckstücke 3 Stunden nach der Festnahme entlassen.

27. Mai 1946

Von Wolfgang hatten wir seit Anfang Mai 1945 nichts mehr gehört. Endlich erhielten wir an diesem Tage ein Lebenszeichen von ihm. In einem Brief schrieb er uns, dass er uns seit 1945 verzweifelt suche, uns aber bei Oma vermute. Durch diesen Brief erfuhren wir seine Adresse. Mutter und ich gingen zum Pfarrhof und zu Kantor Hermann, um diese frohe Botschaft zu verkünden. Danach ging Mutter nach Hause; ich blieb noch bei den Kindern der Familie Hermann. Als ich wieder nach Hause kam, erfuhr ich, dass Omas Restwohnung (Küche, Schlafzimmer und Veranda) beschlagnahmt worden war und wir ein Zimmer bei Familie Pohl bezogen hatten. Die zwei Bodenkammern, in denen Maria und ich geschlafen haben, durften wir behalten. Dort hatten wir schon wegen der zu erwartenden Vertreibung gepackte Betten, Wäsche und Gebrauchsgegenstände stehen. Auf diese Weise verloren wir durch den Herauswurf aus der Wohnung nicht alles.

Von diesem Tage an lebten wir notgedrungen mit Familie Pohl zusammen wie eine Familie.

Ende Mai 1946

Maria und ich gingen zu Herrn Semmler, der, wohnhaft im Hause Koschyk, die Vertriebenentransporte zusammenstellte. Wir meldeten uns und die Familie Pohl nach Schilderung der Wohnverhältnisse für den nächsten Transport zur Vertreibung an. Dabei hofften wir natürlich, in eine der 3 Westzonen, die spätere Bundesrepublik, und nicht in die russische Zone, die spätere Deutsche Demokratische Republik, zu kommen. Einen Anspruch darauf hatten wir nicht.

6. Juni 1946

Morgens um 6 Uhr arbeiteten Mutter und Frau Pohl noch im Garten, obwohl ihnen bekannt war, dass an diesem Tage unsere Vertreibung, polnische Schreibweise: Aussiedlung nach Deutschland, anstand. Um 8 Uhr mussten wir mit der, laut offizieller Bekanntmachung zulässigen Gepäckart und Gepäckmenge am Treffpunkt „Gasthof zur Buche“ erscheinen. Gegen 9 Uhr marschierten wir los; das Gepäck, die Kinder und die alten Leute wurden bis in das Sammellager in Hirschberg mit Pferdefuhrwerken gefahren.

7. Juni 1946

Ab 14 Uhr mussten wir zur letzten Kontrolle antreten (das heißt: letzter Raub). Pro Person waren 500 Reichsmark zur Ausfuhr genehmigt. Alliiertes Besatzungsgeld durfte nicht ausgeführt werden. Uns nahm man einen solchen Schein im Werte von 50 Mark weg; wir hatten diesen Schein im Schott zwischen Buchblock und Buchrücken versteckt, wo er mittels Stricknadel heraus geschoben wurde. Auch Marias gute Lederaktentasche wurde einkassiert. Allerdings erhielt sie dafür eine Kunstledertasche zum Umpacken des Tascheninhaltes. Noch einmal wurden wir mit der Registrierung des Heimatortes verglichen. Danach durften wir das Sammellager verlassen und einen Waggon im jenseits der Strasse stehenden Zug beziehen. In unserem Waggon befanden sich insgesamt 52 Personen, davon 19 Kinder.

8. Juni 1946

Die Abfahrt erfolgte um 6 Uhr morgens über Merzdorf (Marciszow), Liegnitz (Legnica) nach Kohlfurt, wo der Zug die ganze Nacht hindurch stehen blieb. Am nächsten Morgen, Pfingstsonntag, gegen 9 Uhr wurde der Transport einer alliierten Kommission übergeben und über Dessau, Magdeburg nach Marienthal bei Helmstedt in Westdeutschland weiter geleitet.

9. bis 15. Juni 1946

Vom Auffanglager Helmstedt fuhren wir in das Auffanglager Siegen, wo wir wie in allen Auffanglagern mit DDT-Spritzen entlaust und immer wieder neu registriert wurden. Von Siegen aus bestand unser Transport nur noch aus je 3 Waggons, die in die Räume Arnsberg, Brilon, Soest, Lüdenscheid und Altena verteilt wurden. In Altena wurden die Waggons für die 3 letztgenannten Orte abgehängt. Dort gaben wir eine Postkarte an Wolfgang auf mit dem Vermerk: Unser vorläufiges Ziel ist der Raum Arnsberg. Nach einem weiteren Aufenthalt in Schwerte fuhr unser Zug weiter bis nach Neheim-Hüsten, wo die Waggons für den Raum Brilon abgehängt wurden.
Wir dagegen wurden in das Auffanglager auf dem Gelände der Siegerländer Hüttenwerke rangiert. Dort bezogen wir Quartier für 2 Tage, in denen selbstverständlich wiederum Entlausung und Registrierung erfolgten.
Am 15. Juni wurden wir mit mehreren Familien per Lastkraftwagen zum Amt Freienohl gebracht, wo die einzelnen Familien auf Freienohl selbst und auf die 7 zum Amt gehörenden Gemeinden verteilt wurden. So erreichten wir gegen 10:30 Uhr die Gemeinde Rumbeck (heute Ortsteil der Stadt Arnsberg). Dort, im Gasthof Hoffmann, mussten wir bis 15 Uhr warten. Zwischenzeitlich lief Mutter mit Hubert nach Arnsberg zur Regierung. In der dortigen Schulbehörde erfuhr sie Vaters Adresse auf Grund seines Gesuches um Wiedereinstellung in den Schuldienst. Ein Kontakt hatte wegen seines einvernehmlichen Ausreißens nicht bestanden, da wir ja nicht wussten, wohin der gelangt war. Maria und ich gingen gegen 12 Uhr Mutter und Hubert bis zum Haar-Höhenzug entgegen.

Gegen 15 Uhr erschien die Wohnungskommission, bestehend aus Frau Katharina Hermes, die sich sehr lieb unserer 81 Jahre alten Oma annahm, Herrn Wolff und dem späteren Bürgermeister Herrn Otto. Wir wurden in 2 kleine Zimmer (mit insgesamt 22 qm) bei Frau Elisabeth Stahl in der Triftstrasse 42 eingewiesen. Hubert und ich bekamen eine Schlafstelle bei Familie Otto.

17. Juni 1946

An diesem Morgen gingen wir (Mutter, Maria, Hubert und ich) nach Arnsberg zur Meldestelle für Neuzugänge von Vertriebenen. Wir glaubten, dort die Lebensmittelmarken für die 2. Hälfte des Monats Juni zu erhalten. Die Meldestelle befand sich im Gebäude der „Alten Regierung“. Mutter und Hubert gingen in das Gebäude; Maria und ich blieben draußen und warteten vor dem Reformgeschäft auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Da wir sehr lange warten mussten, schickte mich Maria hinein, um nach Mutter zu suchen. Als ich in das Büro trat, stand dort Wolfgang.
Und so hatte sich das Wiederfinden zugetragen: Im Zimmer waren 2 Beamte an gegenüber stehenden Schreibtischen mit Listen beschäftigt. Der eine Beamte fertigte gerade jemanden an Hand seiner Liste ab. Während Mutter mit dem anderen Beamten sprach, schaute Hubert sich im Raum um und rief plötzlich:“ „Muttel, da ist ja unser Wolla!“
Wolfgang hatte sich auf unsere Karte aus Altena hin sofort auf den Weg nach Arnsberg gemacht, hatte vom Beamten auf der anderen Schreibtischseite erfahren, dass wir in das Amt Freienohl eingewiesen worden waren und wollte gerade nach Freienohl aufbrechen.
Nun war inzwischen Maria auch in das Gebäude gekommen und hatte sich nach dem Büro erkundigt. Man sagte ihr, wohin sie gehen müsse und fragte: “Gehören Sie auch zu der glücklichen Familie?“ Sie verstand den Sinn der Frage nicht, ging auf das Zimmer zu, trat ein und blieb beim Anblick von Wolfgang überrascht stehen.

Wolfgang hatten wir nun wieder. Aber unsere Lebensmittelmarken bekamen wir nicht hier. Wir mussten sie am Nachmittag auf dem Amt Freienohl abholen. Im Geschäft „Hill“ wurde uns während des Einkaufes eine Sonderzuteilung von Heringen angeboten. In einer wasserdichten gelblichen Kunststofftasche trugen wir 42 herrlich schmackhafte Bismarckheringe heim, kostbarste Nahrung, die uns auf dem Heimweg nach Rumbeck stärkte. Als wir wieder in Rumbeck ankamen, waren es wohl nur noch 15 Stück; so hatten wir zugelangt.

Nachwort

Abschließend ist zum Thema Familienzusammenführung noch folgendes zu sagen:

Wie unter dem 15.6.1946 berichtet, war uns Vaters Adresse durch seinen Antrag auf Wiedereinstellung in den Schuldienst bekannt geworden. Nach seiner Eingliederung in einen Vertriebenentransport war er nach Menden im Kreise Iserlohn eingewiesen worden. Dort überraschte ihn Wolfgang und überbrachte ihm unsere Adresse. Bis zu diesem Augenblick hatte Vater nichts von Wolfgangs Überleben gewusst.

Dennoch sollte es weitere 5 Jahre dauern, bis die Familie wieder vereint war. Nach Vaters Entnazifizierung wurde er in Hagen, Westfalen, wieder in den Schuldienst eingestellt. Da die Familie im zerbombten Hagen keine geeignete Wohnung finden konnte, konnte er sich erst 1951 nach Oeventrop versetzen lassen. Dort erhielt die Familie eine gemeinsame Wohnung.

Karl kehrte am 7.4.1948 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in England zurück und wurde anschließend bei der Militärregierung als Dolmetscher angestellt. Diese Anstellung verdankte er dem Fußballverein Arnsberg 09.

Nachdem Wolfgang am 17.Juni 1946 die Familie wieder gefunden hatte, wollte er natürlich sofort zu uns zurückkommen. Sein Antrag auf Entlassung und Rückführung zur Familie wurde aber abgelehnt und er musste weiter im Ruhrgebiet unter Tage arbeiten. Also löste er sich eigenmächtig aus dem Arbeitsverhältnis und reiste zur Grenze, schmuggelte sich in einen Vertriebenentransport und kam dann mit neuen Papieren nach Rumbeck.

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zum II. Teil